Bundesverdienstkreuz an Renate Freundt

Foto oben: Regiogruppe linker Niederrhein

Renate Freundt wurde im Januar 2026 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Diese große Ehre haben schon viele andere vor ihr erfahren, auch für ihre Arbeit im Naturschutz. Für mich ist das aber etwas ganz Besonderes. Denn hiermit wird nicht ein Mensch ausgezeichnet, der durch sein herausgehobenes Amt quasi automatisch Naturschützer war und seine berufliche Rolle dazu nutzen konnte, das sehr wirkungsvoll zu umzusetzen. Nein, hier wird eine Privatperson geehrt, die mehr Naturschutz realisiert hat, als selbst amtliche Naturschützer es oft können. 

Renate Freundt ist damit in einer sehr zerstörerischen Zeit, in der Naturschutz immer weniger zählt, zum leuchtenden Vorbild für uns alle geworden. Für das, was zwei Menschen in ihrer Lebenszeit erreichen können, wenn sie mutig und tatkräftig voranschreiten und trotz Hindernissen, Misserfolgen und Fehlern ihr Ziel konsequent verfolgen. Und wie eine große Liebe zu den Mitgeschöpfen unserer gemeinsamen Erde durch all diese Zeiten tragen kann. Wir verneigen uns in großer Hochachtung.

Renate Freund hat zusammen mit ihrem Mann Gerhard aus einem 11.008 m2 großen „Acker“ in ihrer Heimatstadt Wesel ein Paradies geschaffen. Die beiden haben das nicht für sich gemacht, sondern für die Tiere und Pflanzen ihrer Heimat. Und für die Nachwelt, denn ihr Garten wurde längst in die Stiftung Nationales Naturerbe NRW überführt. Und somit haben sie das auch für uns alle gemacht, denn ihr Erbe wird für unsere Enkel und Urenkel weiter bestehen bleiben. Ein kleiner Blick in die Geschichte dieses Gartens gefällig?

Also, was wäre, wenn der Nachbar von Renate und Gerhard Freund im Januar 1987 nicht gefragt hätte: „Wollt ihr das Grundstück denn nicht kaufen…“? Es waren ja nur 11008 m²! Gerhard Freundt meinte, „ja“, Renate „nein, das schaffen wir doch gar nicht, und außerdem haben wir schon einen Garten!“ Und wie sie das geschafft haben. Heute ist ihr Zweitgarten ein Naturschutzparadies allererster Güte, ausgedacht, bepflanzt und besät von zwei Laien, die im Laufe der Jahre so professionell werden sollten, dass die Fachwelt darüber nur staunen kann. Sie pflanzten und säten fleißigst, aber nur regional vorkommende Arten, legten eine dreireihige Hecke aus 2833 Gehölzen an, bauten eine 65 m lange Trockenmauer und viele magere Flächen für Wildblumen. Zwei inzwischen ausgetrocknete Tonteiche gab es ebenfalls, das schaffte feuchtere Wiesenflächen, weitere kleine Bausteinchen im Biotopmosaik. Dazu kamen Holzstapel,  Ast- und Steinhaufen und der Grasschnitt. 

Und die Tiere? Würden sie den neu erschaffenen Lebensraum annehmen?  „Wer einmal begonnen hat, sich mit Insekten näher zu beschäftigen, kommt nicht mehr davon los“, schreibt Renate Freundt. Er „erlebt eine ganz neue Dimension des Lebendigen, begegnet einem Farben- und Formenreichtum und einer Vielzahl  an Lebensformen und Fortpflanzungsstrategien, die tiefe Ehrfurcht vor der Schöpfung hervorrufen.“ 

In der 1. Klasse sagte die Grundschulehrerin, die Renate Freundt später selber geworden ist, beim Zeichnen eines Pilzes: „Hier ist jemand, der mit offenen Augen durch die Welt geht“. An der Naturgärtnerin ist keine Wissenschaftlerin verloren gegangen (wer weiß, was für eine das geworden wäre!), mit ihr haben wir eine exzellente Laienforscherin gefunden. Zunächst stürzte sie sich auf Schwebfliegen, wie viel es davon gab! Wahnsinn! Und alle mit kryptischen zoologischen Namen. Sie zählte und kartierte und 2013 hatte sie 117 Arten beisammen, ja, Rekord im naturnahen Grün. Dazu kamen 127 Arten Wildbienen, 74 verschiedene Pflanzenwespen, 58 Grabwespen, 23 Faltenwespen, 26 Tagfalter, 15 Weg- und 9 Goldwespen. Auch die Zauneidechsen standen unter Beobachtung. Zuerst waren es, ab 1992, wenige, dann immer mehr. Frau Freundts Frage lautete: Wie viele? Also begann sie wochen- und monatelang Fotos aller Tiere zu machen, denn anhand der Rückenmuster waren sie identifizierbar. Wie viel Individuen der besitzergreifend territorialen Echsen, glauben Sie, haben auf den sonnigen, warmen Flächen im Plan Platz? 10, 20, 30…? Weit gefehlt, 2010 waren es 190 Tiere, im Jahr drauf 276 und 2012, Tendenz steigend, bereits 320 Exemplare. Diese Beobachtungen sind wissenschaftlich dokumentiert und verraten höchst Spannendes aus dem Leben der Eidechsen, interessanterweise wurden in Bezug auf die Raumnutzung so einige wissenschaftliche Erkenntnisse auf den Kopf gestellt. 

Allerdings wimmelt es in Wesel ja nicht nur von bildschönem Fliegenzeugs und bedrohten Zauneidechsen, die Artenliste liest sich wie das Buch Genesis dieser Landschaft. Warum Freundts keine Hütte im Garten hätten, keinen Sitzplatz, fragte ich. “ Zum Rumsitzen hatten wir nie Zeit, gab die quirlige, inzwischen ältere Dame, Jahrgang 1937, zurück. 2013 haben wir uns dann doch  zwei Klappstühle gekauft. Aber ich habe höchstens eine halbe Stunde drauf gesessen.“ 

Man muss schon ziemlich versessen auf Natur sein, wenn man so ein Lebenswerk schaffen und erhalten will. Mehr vom Garten der Freundts im Buch Natur für jeden Garten im Porträt Der Tier-Garten.

Reinhard Witt

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