Mähfreier Mai – und was dann?

von Farina Graßmann

Der Mai ist ein Versprechen: Auf den Wiesen entfalten Margerite, Kuckucks-Lichtnelke und Wiesen-Salbei ihre Blüten. Dazwischen fliegen Insekten umher und hüllen den Garten in ein emsiges Summen. Dieses Bild soll es in unseren Siedlungen wieder häufiger geben – das ist das Ziel der Kampagne „Mähfreier Mai“. Ursprünglich aus Großbritannien stammend, ruft sie dazu auf, den Rasenmäher im Mai stehen zu lassen. Weniger “englischer Rasen” und dafür mehr lebendige Wiesen.

Die Idee ist einfach: Wird im Frühjahr weniger gemäht, können Pflanzen überhaupt erst zur Blüte kommen. Oft sind es weit verbreitete Arten, die bunte Tupfer in den Rasen zaubern: Löwenzahn, Klee, Gänseblümchen oder Gundermann. An ihren Blüten finden Insekten Nektar und Pollen, eine Nahrung, die bei häufigem Mähen fehlt.

Der “Mähfreie Mai” lädt dazu ein, die Vielfalt vor der eigenen Haustür zu fördern. Doch für wirklich artenreiche Gärten reicht ein Monat Nichtstun allein nicht aus. Entscheidend ist, wie wir das ganze Jahr über gärtnern – und wie wir unsere Flächen grundsätzlich verstehen.

Mehr als „nicht mähen“ – Mosaikmahd als Schlüsselprinzip

Vielfalt entsteht durch Unterschiede. Genau hier setzt die sogenannte “Mosaikmahd” an. Statt eine Fläche auf einmal zu mähen, werden bewusst Teilbereiche stehen gelassen. Es entsteht ein Nebeneinander aus kurzgeschnittenen und hochgewachsenen Bereichen – und damit ein lebendiges Mosaik.

Während ein Teil zur Pflege gemäht wird, bleibt der Lebensraum an anderer Stelle unberührt. An den Wildpflanzen können Blütenbesucher weiterhin Nektar und Pollen finden und etliche Insektenlarven fressen sich durch das Grün. Diese Flächen dienen gleichzeitig als Rückzugsräume. Hierhin können Tiere – vom Heupferd bis zum Grasfrosch – ausweichen und sichere Verstecke finden. Die unterschiedlichen Mikroklimata schaffen zudem die Grundlage für eine größere Artenvielfalt im Garten. Hohe Vegetation speichert Feuchtigkeit und spendet Schatten, niedrige Bereiche erwärmen sich dafür schneller. Das bietet geeignete Bedingungen für verschiedene Arten.

Manche Tiere brauchen offene, andere dicht bewachsene Flächen. Auch die oft ungeliebten verfilzten Flächen in der Wiese nutzen zahlreiche Arten als Lebensraum. Zwischen Moosen, Flechten und Pilzen tummeln sich hier wenig beachtete Tiere, wie Springschwänze, Milben oder Wanzen. Auch Nachtfalter, wie zum Beispiel die Flechtenbärchen, finden darin ein Versteck und zum Teil auch eine Nahrungsgrundlage für ihre Raupen.

Das Prinzip hinter der Mosaikmahd ist einfach: Nie alles auf einmal machen. Das schafft unterschiedliche Strukturen und diese ermöglichen Vielfalt.

Blick in die Natur – Dynamik statt Dauerzustand

Wenn wir über Mahd sprechen, lohnt sich ein Blick auf die Ökosysteme in der Natur. Denn die traditionelle, regelmäßig gemähte Wiese ist kein „Naturzustand“, sondern eine kulturell geprägte Fläche.

Früher übernahmen große Pflanzenfresser wie Wisente oder Rothirsche eine entscheidende Rolle: Sie grasten in der Landschaft und schufen dadurch ein dynamisches Mosaik aus kurzgefressener und hochgewachsener Vegetation sowie aus geöffneten Bodenstellen. Zu dieser Zeit gab es noch keine gleichmäßige Beweidung. Wo Wisent & Co. lebten, entstanden deswegen ganz unterschiedlich geformte Bereiche. Und genau das machte die Flächen so wertvoll. An der einen Stelle hielten sich die Tiere gerne auf – eine intensive Nutzung war die Folge. Andere Stellen waren hingegen unbeliebt und blieben lange unberührt. Dazwischen gab es viele Übergangsbereiche. Diese Dynamik fehlt heute oftmals. Denn wir Menschen haben in der Landschaft klare Grenzen geschaffen.

Im Naturgarten ist zwar kein Platz für Wisente. Doch bei der Mahd können wir sie uns als Vorbild nehmen. Auf diesem Weg entstehen wieder Flächen, die andernorts selten geworden sind.

Der Mähfreie Mai – wenn Vielfalt entsteht

Der Verzicht aufs Mähen im Mai kann zeigen, welche Vielfalt im Garten verborgen schlummert, wenn der Rasenmäher seltener zum Einsatz kommt. Doch ohne eine gut durchdachte Pflege wird aus einem Rasen nicht automatisch eine artenreiche Wiese. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus angepassten Mahdzeitpunkten, unterschiedlichen Schnitthöhen, stehen gelassenen Teilflächen und bewusst zugelassenen „unordentlichen“ Bereichen. Erst dann entsteht Vielfalt, die das ganze Jahr über Heimat für Wildtiere bietet.

Als Naturgartenbewegung geht es uns nicht nur um einzelne Aktionen, sondern um ein anderes Verständnis von Garten. Der „Mähfreie Mai“ passt dazu – weil er Gewohnheiten hinterfragt und weil er zeigt, dass weniger manchmal mehr ist. Und was ist eine bessere Belohnung für das Umdenken im Garten als ein Heupferd, das auf der Margerite nach Beute Ausschau hält?

Lesetipps:

Natur&Garten Heft 1.2026 “Naturnahe Pflege” von Ingrid Völker https://shop.naturgarten.org/naturnahe-pflege/202601

Natur&Garten Heft 2.2023 “Wiesen – ihre Natur, Pflege, Tiere & Säume” https://shop.naturgarten.org/Natur-Garten/272/Natur-Garten-2/2023-Wiesen-Saeume?search=wiese

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