Reif für die Insel – Untersuchungen zum Einfluss von Honigbienen auf Wildbienenpopulationen im Mittelmeer.

Zusammenfassung zu folgender Publikation:

Island-wide removal of honeybees reveals exploitative trophic competition with strongly declining wild bee populations.

Pasquali et al., 2025, Current Biology 35, 1576–1590
April 7, 2025 https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.02.048

Von Monika Ratte, Nov. 2025

Der Titel der Publikation enthält gleich mehrere Stichworte mit Diskussionspotential: „Honigbienen“, „Wildbienen“ „Nahrungskonkurrenz“ und, Achtung: „Insel“.  Vor allem Letzteres kann Anlass sein für Missverständnisse, denn man könnte schlussfolgern, dass die Ergebnisse nur für isolierte Lebensräume wie Inseln gelten. Das Gegenteil ist der Fall, denn:

Das Besondere an dieser Studie sind nicht die Ergebnisse, denn die sind grundsätzlich nicht neu. Bereits in der Einleitung werden reihenweise Publikationen zitiert, die die Konkurrenz zwischen Honigbienen und Wildbienen thematisieren sowie den negativen Einfluss der Honigbiene auf die Biodiversität. Man verrät an dieser Stelle nicht zu viel, wenn man sagt, dass die vorliegende Studie diese Befunde bestätigt. Das Besondere an dieser Studie ist die Methodik.

Aber von Anfang an.

Der Titel der Publikation sei im Folgenden sinngemäß übersetzt mit „Die gezielte Entfernung von Honigbienen von einer Insel offenbart die Bedrohung von Wildbienenpopulationen durch Nahrungskonkurrenz“

Was hat es dabei mit der Insel auf sich? 
Kurz gesagt: Die Insel ist das Versuchslabor.

Um die Besonderheit des Ansatzes zu verstehen, muss man ein wenig ausholen: Bei Untersuchungen zum Thema Wildbienen und Honigbienen ergeben sich grundsätzlich folgende Probleme:
Zum einen untersucht man in der Regel Lebensräume, in denen schon lange sowohl Honigbienen als auch Wildbienen vorkommen. Man startet also bei einem Status Quo an Biodiversität und Populationsdichten von Wildbienen, ohne zu wissen, wieviel davon bereits das Ergebnis der Situation ist, die man eigentlich erst untersuchen will. Also wie es ohne die Anwesenheit der Honigbiene aussähe.
Zum anderen kann man den Einfluss eines bestimmten Faktors (hier: Anwesenheit von Honigbienen) auf eine Messgröße (hier: Populationsdichte und Diversität von Wildbienen) experimentell grundsätzlich nur dann eindeutig identifizieren, wenn man den Faktor gezielt und kontrolliert variiert und andere mögliche Einflussfaktoren möglichst ausschaltet. Ein solches Experiment gibt es aber im Freiland normalerweise nicht, da Honigbienen weit verbreitet sind und andere Einflussgrößen nicht kontrolliert werden können. Deshalb sind Untersuchungen zum Thema Honigbienen und Wildbienen in der Regel als Monitoring angelegt: Sie sammeln Daten, welche Korrelationen und Indizien liefern.

Die vorliegende Studie ist anders. Die Untersuchungen fanden von 2021 bis 2024 auf einer Insel im Mittelmeer statt, auf der erst 2018 Honigbienen eingeführt wurden. Man konnte deshalb die Entwicklung von Wildbienenpopulationen unmittelbar nach der Einführung der Honigbiene untersuchen. Die Insel war klein genug, um sicherzustellen, dass die Honigbienen die gesamte Insel beflogen und somit potentiell beeinflussten. Und die Insel war groß genug für die Existenz stabiler Wildbienenpopulationen, genauer gesagt Erdhummeln (Bombus terrestris) und Pelzbienen (Anthophora dispar). Beide Arten sind,  wie die Honigbiene, Nahrungsgeneralisten. Die wesentlichen Nahrungspflanzen auf der Insel waren Strauchiger Gamander (Teucrium fruticans) und Rosmarin (Salvia rosmarinus).
Man konnte die vorhandenen Bienenstöcke temporär verschließen und so den Faktor „Anwesenheit Honigbiene“ quasi „an- und abschalten“. Die  Autoren bezeichnen die Insel deshalb als „open-air laboratory“.

Und sie haben das Labor maximal genutzt. Es würde den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen, sämtliche Experimente, Messungen und Ergebnisse zu beschreiben. Unter anderem wurden detaillierte Netzwerkanalysen für die Interaktionen Blüten – Blütenbesucher erstellt und daraus ein Index als Maß für Ressourcenüberlappung und somit für das Konkurrenzpotential ermittelt.  Ferner wurden folgende Variablen gemessen und in Abhängigkeit von der An- und Abwesenheit von Honigbienen und der Entfernung vom Bienenstock ausgewertet:  Nektar- und Pollenverfügbarkeit seitens der Pflanzen, Sammelverhalten, Sammeleffizienz, Blütenbesuche, Flugaktivität, Flugzeiten  und Populationsdichten der Wildbienen.

Die Daten wurden einer intensiven statistischen Analyse unterzogen, die Ergebnisse werden äußerst detailliert dargestellt und vielschichtig diskutiert, inklusive einer kritischen Überprüfung, ob das Verhalten der Honigbienen durch den Versuchsansatz (vorübergehendes Verschließen der Beuten) möglicherweise unbeabsichtigt beeinflusst und verändert wurde. Letzteres konnte ausgeschlossen werden. Die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchungen sind:

Die Anwesenheit von Honigbienen reduzierte die verfügbaren Mengen an Nektar und Pollen in den Blüten der untersuchten Pflanzen.  
Dies ist naheliegend, denn einmal produzierter Nektar oder Pollen kann schließlich nur einmal gesammelt werden. Wenn somit plötzlich tausende zusätzliche Konsumenten eine unveränderte Menge Nahrung nutzen möchten, steht pro Konsument weniger zur Verfügung.  Wegen des „Insel-Setups“ (keine räumlichen Ausweichmöglichkeiten, geringe Diversität der inseltypischen Flora) ist der Effekt besonders ausgeprägt. Aber das Experiment zeigt auch, dass der Einfluss der Honigbiene viel komplexer ist, als nur „Nahrungskonkurrenz“ im Sinne von „Ressourcen beanspruchen“. Die Anwesenheit von Honigbienen beeinflusste auch Flugzeiten und Aktivitätsmuster der Wildbienen. Die Nektaraufnahme pro Blütenbesuch wurde geringer während gleichzeitig die Suchzeit anstieg. Das bedeutet, Frequenz und Dauer der Blütenbesuche wurden weniger effektiv. Die Anwesenheit von Honigbienen reduzierte somit nicht nur die verfügbare Nahrungsmenge für die Wildbienen, sondern erhöhte gleichzeitig deren Energiebedarf, um an diese Nahrung zu gelangen. Dies wirkt sich negativ auf die Fitness der Populationen aus.
Alle oben dargestellten Befunde waren statistisch signifikant.

Während des vierjährigen Versuchszeitraums gingen die Wildbienenpopulationen um etwa 80% zurück. Schwankungen der Populationsdichte von Jahr zu Jahr sind für Wildbienen nicht ungewöhnlich, ein derart starker und kontinuierlich abnehmender Trend über vier Jahre lässt sich aber schwer nur als zufallsbedingt erklären. Die abnehmenden Populationsdichten werden sehr differenziert diskutiert und nicht einseitig der Anwesenheit der Honigbienen zugeschrieben. Klimatische Unterschiede im Laufe des Versuchszeitraums konnten während der Flugzeiten der Wildbienen (Frühsommer) ausgeschlossen werden, jedoch wurde ein Anstieg der durchschnittlichen Temperatur im Sommer beobachtet. Die Blütendichte ging im Untersuchungszeitraum ebenfalls zurück – dies könnte den unstrittigen Effekt der Nahrungskonkurrenz verstärkt haben.    

Die eher vorsichtig formulierte Schlussfolgerung der Studie lauten:
– Hohe Honigbienendichten können insbesondere in empfindlichen Ökosystemen Schäden verstärken, die durch andere Stressfaktoren verursacht werden.
– Die Befunde auf der untersuchten Insel im Mittelmeer dürften übertragbar sein auf andere Regionen, insbesondere in Naturschutzgebieten wie Nationalparks.
Die Autoren weisen darauf hin, dass die Konkurrenz durch Honigbienen unter den vielen Gefahren für Wildbienen durch menschliche Aktivitäten und den Klimawandel einen Faktor darstellt, der kontrolliert oder vermieden werden kann. Sie empfehlen daher dringend, Honigbienenhaltung in der Nähe kleiner, geschützter Gebiete nicht zuzulassen, solange nicht nachgewiesen werden kann, dass sie nicht schaden.

Anmerkung der Verfasserin: Insbesondere Letzteres ist eine Haltung, die aus Naturschutzsicht sehr wünschenswert ist, denn sie entspringt dem Vorsorgegedanken: stets ist vorsichtshalber davon auszugehen, dass etwas (z.B. Honigbienenhaltung) schadet, solange das Gegenteil nicht zweifelsfrei bewiesen ist. Leider erfolgt meist eine Beweislastumkehr, d.h. statt präventiv zu agieren, wird gefordert, dass ein etwaiger schädlicher Einfluss bewiesen werden muss. Was das Thema Einfluss von Honigbienen auf Wildbienen angeht, sind mit der genannten Studie zumindest weitere Argumente für einen negativen Einfluss hinzugekommen. 

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