


{"id":3711,"date":"2025-12-16T14:08:41","date_gmt":"2025-12-16T13:08:41","guid":{"rendered":"https:\/\/naturgarten.org\/wissen\/?p=3711"},"modified":"2025-12-16T14:08:41","modified_gmt":"2025-12-16T13:08:41","slug":"home-sweet-home","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/naturgarten.org\/wissen\/2025\/12\/16\/home-sweet-home\/","title":{"rendered":"Home sweet Home"},"content":{"rendered":"<p>Beitrag zur Publikation Lerch D., Bl\u00fcthgen N., Mody K. (2024): &#8222;Home sweet home: Evaluation of native versus exotic plants as resources for insects in urban green spaces&#8220; Ecological Solutions and Evidence, Volume 5, Issue 3; <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1002\/2688-8319.12380\">https:\/\/doi.org\/10.1002\/2688-8319.12380<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>09.01.25, Monika Ratte<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAber da summt und brummt es drin!\u201c,&nbsp;\u201eGlockenblume ist doch Glockenblume &#8211; oder?\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So oder so \u00e4hnlich fallen h\u00e4ufig die Reaktionen aus, wenn es um den Nutzen oder Nicht-Nutzen sogenannter Bl\u00fchmischungen sowie verschiedener Pflanzen f\u00fcr Insekten geht. Und wenn man darauf hinweist, dass nur heimische Pflanzen wirklich helfen k\u00f6nnen, heimische Insektenpopulationen zu erhalten, dann wird oft nach Studien gefragt, die diese Aussage belegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine solche Studie gibt es jetzt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen als Masterarbeit von Biologin M.Sc. Doris Lerch an der TU Darmstadt aus dem Jahr 2022, die die Frage untersucht hat: welche Pflanzen werden st\u00e4rker von Insekten genutzt:&nbsp; Heimische Wildpflanzen oder nichtheimische Zierpflanzen? Um diese Arbeit geht es in diesem Text.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen auch im Rahmen des Forschungsprojekts WiZik, in dem der Ansatz der Masterarbeit weitergef\u00fchrt wird. Und zwar mit mehr Pflanzenarten, mehr Untersuchungsfl\u00e4chen, unter Einbeziehung von Sorten heimischer Pflanzen und mit erweiterter Fragestellung. \u201eWiZik\u201c steht f\u00fcr \u201ePotenzial von Wild- und Zierpflanzen f\u00fcr Insektenschutz und klimaresiliente Begr\u00fcnung im urbanen Raum&#8220; und l\u00e4uft von 2023-2027 unter der Leitung des Instituts f\u00fcr angewandte \u00d6kologie der Hochschule Geisenheim in Kooperation mit zahlreichen Projektpartnern. N\u00e4here Infos zu WiZik gibt es hier: <a href=\"https:\/\/www.hlnug.de\/themen\/naturschutz\/lore-steubing-institut\/projekte\/stadtbegruenung\">https:\/\/www.hlnug.de\/themen\/naturschutz\/lore-steubing-institut\/projekte\/stadtbegruenung<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nun jedoch zur besagten Masterarbeit. Deren Ergebnisse wurden im September 2024 f\u00fcr jedermann zug\u00e4nglich ver\u00f6ffentlicht: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1002\/2688-8319.12380\">https:\/\/doi.org\/10.1002\/2688-8319.12380<\/a>. Da aber nicht jeder gern wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichungen liest, schon gar nicht auf Englisch, m\u00f6chte ich im Folgenden ein paar Ergebnisse vorstellen. Dazu hat die Erstautorin, Doris Lerch, wichtige Abbildungen auf Deutsch zur Verf\u00fcgung gestellt. Herzlichen Dank daf\u00fcr!<\/p>\n\n\n\n<p>Die eing\u00e4ngige Formulierung <strong>\u201eHome, sweet home\u201d <\/strong>im Titel der Publikation l\u00e4sst direkt erahnen, worum es geht: Wie n\u00fctzlich sind heimische und nichtheimische Pflanzen f\u00fcr Insekten? Weiter geht es dann etwas trockener: \u201cBewertung einheimischer und exotischer Pflanzen als Nahrungsressourcen f\u00fcr Insekten in st\u00e4dtischen Gr\u00fcnfl\u00e4chen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau da wird es interessant, denn die f\u00fcr die Studie verwendeten und nach einem festgelegten Pflanzplan gemischt in extra angelegte Versuchsfelder angesiedelten Pflanzen wurden in Absprache mit st\u00e4dtischen Gr\u00fcnfl\u00e4chen\u00e4mtern sehr gezielt ausgew\u00e4hlt (<a href=\"https:\/\/naturgarten.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bild-1.jpg\">vollst\u00e4ndige Liste<\/a>):<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>sechs verbreitete und beliebte exotische Zierpflanzenarten wie z.B. Sonnenbraut <em>Helenium cultorum <\/em>\u201eRubinzwerg\u201c, Fackellilie <em>Kniphofia uvaria <\/em>\u201eGrandifolia\u201c oder Pr\u00e4riekerze <em>Gaura lindheimeri <\/em>\u201eWhirling Butterfly\u201c<\/li>\n\n\n\n<li>sechs einheimische Wildpflanzenarten, z.B. die Wiesenwitwenblume <em>Knautia arvensis<\/em> oder die Rundbl\u00e4ttrige Glockenblume <em>Campanula rotundifolia<\/em>,<\/li>\n\n\n\n<li>sechs verwandte, nicht heimische Pflanzenarten aus der gleichen Gattung wie die jeweilige Wildpflanze, teils auch als Sorte, z.B. Mazedonische Witwenblume <em>Knautia macedonica <\/em>\u201eMars Midget\u201c oder Dalmatiner Glockenblume <em>Campanula portenschlagiana <\/em>\u201eBirch\u201c.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Im Rahmen der Studie wurde protokolliert, wie viele und welche Insekten die Bl\u00fcten welcher Pflanzen besuchten. Insgesamt wurden 101 Insektenarten unterschieden, wenn auch nicht immer bis auf Art-Ebene bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Spoiler:<br><\/strong>Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass die Annahme \u201eGlockenblume ist gleich Glockenblume\u201c oder \u201eNaja, ist ja die gleiche Gattung, dann passt das schon\u201c ein Trugschluss ist. Heimische Wildpflanzen wurden mit 67% aller Bl\u00fctenbesuche signifikant h\u00e4ufiger besucht als verwandte nichtheimische Pflanzen (24%) und nicht verwandte exotische Pflanzen (9%). Dieses Ergebnis ist f\u00fcr Naturg\u00e4rtner zwar nicht \u00fcberraschend \u2013 es ist damit aber \u201eamtlich\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das ist aber noch nicht alles.<br><\/strong>Abgesehen von dem Vergleich der reinen Absolutzahlen an bl\u00fctenbesuchenden Insekten wurden sehr detaillierte sog. <strong>&#8222;Netzwerkanalysen&#8220;<\/strong> durchgef\u00fchrt. D.h. es werden Interaktionen dargestellt: Welche Insektenart besucht welche Pflanze?<br>Die Visualisierungen der Beziehungen Pflanze-Insekten zeigen anschaulich, dass das beliebte Statement \u201eAber da summt und brummt es dran\u201c sich bei genauerem Hinsehen ebenfalls als Trugschluss entpuppt. Denn: wer summt und brummt denn da?<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir uns dazu die folgenden Bilder an. In der unteren Reihe sieht man die untersuchten Pflanzen, in der oberen Reihe die beobachteten Insekten. Die Linien dazwischen stehen f\u00fcr Interaktionen, d.h. Bl\u00fctenbesuche. Es gilt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>je breiter ein Balken f\u00fcr eine Insektenart oder -gruppe, desto h\u00e4ufiger kamen diese vor.<\/li>\n\n\n\n<li>je breiter ein Balken f\u00fcr eine Pflanzenart- oder -gruppe, desto mehr Interaktionen gab es mit dieser<\/li>\n\n\n\n<li>je breiter die Linie f\u00fcr eine Interaktion, desto gr\u00f6\u00dfer war die Anzahl dieser Interaktionen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Aus den Netzwerkanalysen l\u00e4sst sich eine schier unendlich gro\u00dfe Vielfalt an Aussagen und Schlussfolgerungen ableiten. Bei den Bildern werden einige Lesebeispiele gezeigt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/naturgarten.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bild-2-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5819\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Interaktionen Pflanzen &#8211; Insekten, jeweils in Gruppen zusammengefasst.\nLesebeispiel 1: An exotischen Pflanzen wurden weniger Interaktionen mit Insekten beobachtet als an heimischen Pflanzen (Balken ist schmaler)\nLesebeispiel 2: Exotische Pflanzen werden in erster Linie von der Honigbiene besucht, mit heimischen Pflanzen hingegen interagieren Insekten aus allen Gruppen.\nLesebeispiel 3: Wildbienen interagieren \u00fcberwiegend mit heimischen Wildpflanzen, in geringerem Ma\u00dfe mit verwandten nichtheimischen Arten und fast gar nicht mit exotischen Pflanzen.\n<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/naturgarten.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bild-3-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5820\" style=\"width:831px;height:auto\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wie Bild 1, jedoch Pflanzen und Insekten nach Arten bzw. Artengruppen aufgeschl\u00fcsselt. \nGr\u00fcn: heimische Wildpflanzen, gelb: verwandte, nichtheimische Arten, rosa: Exotische Zierpflanzen.\nLesebeispiel 1: An heimischem Wiesensalbei Salvia pratensis (5. von links) wurden insgesamt weniger Interaktionen beobachtet als an Quirlbl\u00fctrigem Salbei Salvia verticillata \u201ePurple Rain&#8216; (2. von links) (der gr\u00fcne Balken ist schmaler als der gelbe), aber: An Salvia verticillata werden fast nur Honigbienen beobachtet, hingegen wird Salvia pratensis von diversen Insektenarten genutzt.\n\nLesebeispiel 2: An der heimischen Gew\u00f6hnliche Schafgarbe Achillea millefolium (ganz rechts), finden wesentlich mehr Interaktionen mit Insekten statt als an der nichtheimischen Goldquirl-Garbe Achillea clypeolata \u201eMoonshine&#8220;, 3. von rechts (der gr\u00fcne Balken ist deutlich breiter als der gelbe).\nLesebeispiel 3: Die heimische Wiesenschafgarbe Alchillea millefolium, ein Korbbl\u00fcter, die ebenso wie alle Doldenbl\u00fcter ihren Pollen und Nektar offen anbietet. Sie ist eine wichtige und in dieser Studie fast exklusive Nahrungspflanze f\u00fcr kurzr\u00fcsselige Fliegen und Wespen. \n<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/naturgarten.org\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Bild-4-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5821\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Vergleich Bl\u00fctennutzung von Honigbienen und Wildbienen\nAchtung: oben nur Honigbienen (mittlerer Balken) und verschiedene Wildbienenarten (\u00fcbrige Balken) dargestellt.\nGr\u00fcn: heimische Wildpflanzen, gelb: verwandte, nichtheimische Arten, rosa: exotische Zierpflanzen.\nLesebeispiel 1: Die heimische Rundbl\u00e4ttrige Glockenblume Campanula rotundifolia (links au\u00dfen) wird h\u00e4ufiger besucht als die nichtheimische Dalmatiner Glockenblume Campanula portenschlagiana (zweite von links) (der gr\u00fcne Balken ist breiter als der gelbe). \nLesebeispiel 2: Die beiden beobachteten Arten der auf Glockenblumen spezialisierten Glockenblumenscherenbienen nutzen ausschlie\u00dflich (Art 1) oder fast ausschlie\u00dflich (Art 2) die heimische Glockenblumenart (graue Interaktionen).\nLesebeispiel 3: Nichtheimische Zierpflanzen (gelb) und erst recht exotische Pflanzen (rosa) werden weniger genutzt (Balken sind meist schmal) und wenn, dann \u00fcberwiegend von Honigbienen (lilafarbende Interaktionen) \n<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Die Ergebnisse zeigen,<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>dass es sehr exklusive Beziehungen zwischen heimischen Insekten und heimischen Wildpflanzen gibt, die sich nicht durch verwandte Pflanzenarten und schon gar nicht durch exotische Zierpflanzen ersetzen lassen<\/li>\n\n\n\n<li>dass der Eindruck von \u201ees summt und brummt\u201c oft durch Honigbienen dominiert ist und somit nichts \u00fcber die wirkliche N\u00fctzlichkeit einer Pflanze f\u00fcr Insektenpopulationen aussagt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Aus den Ergebnissen kann man auch wichtige Schlussfolgerungen f\u00fcr die sinnvolle Zusammensetzung von Bl\u00fchmischungen ziehen. Diese enthalten n\u00e4mlich oft \u00fcberwiegend nichtheimische Arten und dienen damit nur der Honigbiene. Und die klare Empfehlung, die Dosis Lerch aus ihrer Arbeit zieht, lautet: Eine Fl\u00e4che, die alle Insektengruppen unterst\u00fctzen soll, sollte mindestens zwei oder drei Doldenbl\u00fctler enthalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Last but not least:<\/strong> die Masterarbeit untersucht auch die Eignung der verschiedenen Pflanzen als Futterpflanze. Auch dabei zeigte sich, dass heimische Wildpflanzen am meisten genutzt wurden (durchschnittlich 2,3% der untersuchten Blattfl\u00e4che), gefolgt von verwandten, nicht heimischen Arten (0,8%). Nicht verwandte exotische Pflanzen wurden kaum (0,1%) von Herbivoren gefressen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wer jetzt neugierig geworden ist: Die Masterarbeit von Doris Lerch enth\u00e4lt zus\u00e4tzliche Hintergrundinfos und viele weitere interessante Ergebnisse: <a href=\"https:\/\/tuprints.ulb.tu-darmstadt.de\/24509\/4\/Masterarbeit%20Druckversion%20Doris%20Lerch%20neu.pdf\">Masterarbeit Druckversion Doris Lerch neu.pdf<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p><script>\r\n              jQuery(document).ready(function(){\r\n                jQuery(\"a.btn-iframe-link\").each(function(){\r\n                        jQuery(this).bind(\"click\",function(){\r\n                              event.preventDefault();\r\n                                          \r\n                                jQuery(this).parent().parent().css(\"min-height\",\"500px\");\r\n                               jQuery(this).parent().parent().html(\"<iframe src=\\\"\"+jQuery(this).attr(\"btn_iframe_link\")+\"\\\" style=\\\"border: 0;min-height:500px;\\\" frameBorder=\\\"0\\\"  width=\\\"100%\\\"><\/iframe>\");\r\n                        });\r\n                   \r\n                });\r\n                jQuery(\"a.btn-text-link\").each(function(){\r\n                            jQuery(\"a.btn-text-link\").unbind(\"click\").bind(\"click\",function(){\r\n                                    var text_link = jQuery(this).attr(\"text-link\");\r\n                                     jQuery(\"body\").append(\"<div class=\\\"modal fade in\\\" id=\\\"youtube_text_link\\\" tabindex=\\\"-1\\\" role=\\\"dialog\\\" aria-labelledby=\\\"myModalLabel\\\" style=\\\"overflow-y: scroll; 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