Regionaltage naturnahes öffentliches Grün 2022

Nach erzwungener Coronapause endlich wieder 4 Veranstaltungen in 2022von Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg, dann Hessen und NRW:

Melsdorf

So aufgefallen ist mir das noch nie. Wenn man von Süden nach Norden fährt, über Land und quer durch, werden die Blumen am Straßenrand zunehmend weniger. Wo an den meisten Stellen Süddeutschlands noch ein paar Flockenblumen überlebt haben oder wenigstens Margeriten und  Wegwarten, sieht man im hohen Norden fast nur noch Grasgrün, gesprenkelt mit einigen Schafgarben.

Als wir dann nach Melsdorf, zum Tagungshaus der Regiotage einbiegen, ändert sich das Bild abrupt. Es wird wieder blumig. Karthäusernelken und Wilder Hornklee laden zum Verweilen ein. Auch Schmetterlinge. Aber drin warten 30 Zuhörer und das Programm geht gleich los. Wieder einmal ein Regiotag, nach zwei Jahren Coronastopp diesmal wirklich weit in den Norden gerutscht. Nicht unweit von Kiel in einer kleinen Gemeinde, wo Naturgartenplanerin Dr. Heinke Marxen-Drewes seit Jahren tätig ist.

Nach den Vorträgen am Vormittag mit Einführungen in die tierökologische Bedeutung (jeder Quadratmeter zählt) vom naturnahem öffentlichen Grün, mit dem Vortrag zu Wildblumensaatgut und Anwendungsbeispielen, dem über Vegetationstechnik und der Vor-Ort-Arbeit geht es raus ins Gelände. Ein langer Fußmarsch entlang von Margeritenwiesen und Hornkleestreifen, ab und zu unterbrochen mit Flocken- und Witwenblumen und etwa spät aufgewachten Roten Lichtnelken. Balsam für die grasgewohnte Seele. Endlich bunt. Lebendig.

Den Schluss markiert eine Vorführung von nagelneuen Pflegegeräten: Ein fahrbarer Doppelmessermäher mit 6 m Breite, der 10 Hektar am Tags schafft. Dazu ein Bandrechen, um das Mahdgut zu Streifen zurechtzulegen, damit es leichter abtransportiert werden kann. Die Dimension der Pflegegeräte zeigt, was inzwischen entstanden ist. Ein Markt der Möglichkeiten. Naturnah liegt im Trend. Und die Idee funktioniert, mit Blumen am Straßenrand, auf Firmenflächen und überall anders. Wir fahren beruhigt wieder weg und denken uns das Grasgrün schon mal in ein Blumenbunt.

Melsdorf. Blumenbunt statt nur Grasgrün. Eine Ansaat von Heinke Marxen-Drewes entlang eines Firmengeländes.


Ludwigsburg

Nach Ludwigsburg hineinzufahren ist wie Zuhause anzukommen. Schon links und rechts der doppelspurigen Einfallsschneisen ins Zentrum empfangen bunte Wiesenblumenansaaten. Wo kommt denn das her? Das gab es vor kurzem doch noch nicht?

Die Stadt im schwäbischen war 2016 eine der ersten Naturnah-Dran Gemeinden Baden-Württembergs. Damals wurden aber nur fünf Flächen umgestaltet. Doch jetzt sind es viel mehr. Warum, erfahren wir bald, denn Gartenamtsleiter Michael Kamps hat die Idee wörtlich genommen. Jeder Quadratmeter zählt. Und mehr eben mehr. Das Gartenamt hat seit 2016 neues naturnahes öffentliches Grün angelegt. Hektarweise. Irgendwie unglaublich. Wildblumen in der Stadt sind an vielen Stellen schon keine viel beachtete Ausnahme mehr, sondern Regelfall.

Die nachmittägliche Exkursion streift dann nur eine der alten und ersten Standorte von 2016. Eine heimische Staudenmischpflanzung. Immer noch schön und gut. Dann gehen wir, weil neugierig, lieber neue Flächen angucken und müssen uns schwer entscheiden. Rund 40 Teilnehmer aus allen Branchen und Ecken sind beeindruckt. So geht Artenvielfalt in der Stadt.

Ludwigsburg. Direkt vor dem Rathaus flogen in den Wildblumenbeeten Reseden-Maskenbiene und Knautien-Sandbiene. Ein Hingucker für alle.


Bad Soden

Den 2 Regiotagen im Mai folgten dann bald die Veranstaltungen in Arnsberg und Bad Soden-Salmünster. Wobei hier die Arbeitsbedingungen grundverschieden sind.

Bad Soden-Salmünster gehört zum Main-Kinzig-Kreis in Hessen, der pilothaft seit 2018 alle 28 Gemeinden schult, berät und Planungsbeistand im naturnahen öff. Grün anbietet. Was ist daraus geworden?

Der Bürgermeister formuliert in seiner Begrüßungsrede: „von unserer Einstellung, es muss hier alles in den Kuranlagen akkurat gepflegt sein, sind wir weit abgerückt. Menschen kommen zur Erholung her und da ist intakte Natur ein wichtiger Teil davon.“ Die anspruchsvolle Kurstadt ist mit dieser Einstellung der Vorreiter im Kreis geworden und hat seit 2018 über 20 ha Fläche naturnah angelegt oder in naturnahe Pflege überführt. Mittlerweile wird im Kurpark Kleinballenheu gepresst und als Winterfutter für Tiere im Wildpark verfüttert.

Zu den vielen Wildblumen in Säumen, Wiesen und Staudenbeeten kamen jede Menge Insekten, die wir bei einer Mahdvorführung hautnah erleben konnten. Zwei Runden Kleintraktor mit 7 m Messerbalken um die Wildblumenwiese  erzeugte ein wildes Geflatter von flüchtenden Insekten, besonders Schmetterlingen. Ein paar Minuten nach Ende der Aktion kehrte alles in die zurückgebliebene Wieseninsel zurück. Ein lebendiger Aufruf zur Staffelmahd, den alle ohne viel Erklärung verstanden hatten.


Arnsberg

Der letzte Regiotag führte uns ins Sauerland, wo die Gemeinde Arnsberg seit vielen Jahren eine Vorreiterrolle im naturnahen Grün einnimmt. Hier ist es besonders dem Leiter des Grünflächenmanagements zu verdanken, der den Gedanken konsequent vorantreibt.

Auf dem Regiotag berichtet Ralf Schmidt, dass die Akzeptanz beim ersten Pilotprojekt im Jahr 2015 wirklich erkämpft werden musste. Durch Beteiligung an der Planung von ganz verschiedenen Nutzergruppen konnte die Aufgabe gelöst werden und bis heute ist der Natur-Erlebnis-Raum a.d. Ruhr ein Publikumsmagnet und begeistert uns auch bei unserem Besuch mit Abschlussbesprechung dort.

Aber nicht nur große repräsentative Projekte, sondern auch kleine, wegbegleitende Flächen, Wiesen, Verkehrskreisel, Kita-Spielgelände: naturnah ist in Arnsberg überall denkbar und wir bekommen einen guten Überblick bei unserer Exkursion am Nachmittag. Dieser Regiotag wurde übrigens auch von einem Filmteam begleitet – wir freuen uns schon auf das Ergebnis.

Arnsberg. NER an der Ruhr: Spiel- und Erlebnisangebot inmitten von blühenden Wildpflanzen


Dank auch an alle Vereinsmitglieder vor Ort, die sich um die Logistik kümmerten und unsere tollen Referenten aus dem Netzwerk Naturgarten & den AK öff. Grün – die alle zusammen unsere Regionaltage möglich gemacht haben.

Bericht von Dorothee Dernbach & Reinhard Witt (beide Ak öff. Grün)